Brandenburgs Energiewende wankt: Soll die Kohle doch länger brennen?
Maximilian KrauseBrandenburgs Energiewende wankt: Soll die Kohle doch länger brennen?
Brandenburgs Energiewende: Vom Kohle- zum Ökostromland – doch die Debatte um den Ausstieg flammt neu auf
In den vergangenen 15 Jahren hat Brandenburgs Energiesektor einen tiefgreifenden Wandel vollzogen: weg von der Kohle, hin zu erneuerbaren Energien. Bis 2025 stammte bereits mehr als die Hälfte des Stroms im Land aus Wind- und Solarenergie, wobei die Windkraft allein über ein Drittel des Gesamtbedarfs deckte. Doch während Deutschland über den Kohleausstieg diskutiert, entzünden sich politische Konflikte daran, ob bestehende Kraftwerke länger als geplant in Betrieb bleiben sollen.
Nun hat Bundeskanzler Friedrich Merz vorgeschlagen, die Abschaltung von Braunkohlekraftwerken zu verzögern – und damit Widerstand von Umweltschützern sowie Forderungen nach klaren Stellungnahmen aus der Brandenburger Landesregierung ausgelöst.
Seit 2010 hat Brandenburg seine Abhängigkeit von der Braunkohle schrittweise verringert, die einst das Rückgrat der Energieversorgung bildete. 2025 erzeugten erneuerbare Energien 54,9 Prozent des Stroms im Land – 22.632 GWh von insgesamt 41.222 GWh –, wobei die Windkraft 33,8 Prozent und die Solarenergie 14,6 Prozent beisteuerte. Die installierte Solarleistung erreichte bis Jahresende 7 GW, nach einem Zubau von 1.050 bis 1.100 MW neuer Anlagen. Der Anteil der Braunkohle sank hingegen auf 38,5 Prozent – ein Rückgang um 8,9 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr.
Besonders sichtbar ist der Wandel in der Lausitz, einer traditionellen Bergbauregion, die sich nun auf eine Zeit nach der Kohle einstellt. Gemäß dem deutschen Kohleausstiegsgesetz soll der Energiekonzern LEAG mit Sitz in Cottbus rund 1,75 Milliarden Euro als Ausgleich erhalten. Brandenburgs Energie-strategie 2040 von 2022 strebt bis 2030 eine vollständige Stromversorgung aus erneuerbaren Quellen an, kombiniert mit Zielen von 15 GW Wind- und 33 GW Solarkapazität bis 2040. Zudem sieht der Plan den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft vor – stets unter der Prämisse von Versorgungssicherheit und gesellschaftlicher Akzeptanz.
Doch Merz' jüngste Äußerungen haben Zweifel an diesem Zeitplan genährt. Er argumentierte, dass Kohlekraftwerke über ihre geplanten Abschalttermine hinaus betrieben werden müssten, um Engpässe zu vermeiden. Zudem forderte er einen beschleunigten Bau von Gaskraftwerken, um mögliche Lücken zu schließen. Seine Aussagen stießen bei den Grünen auf scharfe Kritik: Die Partei rief Brandenburgs Ministerpräsidenten Dietmar Woidke (SPD) auf, jede Verzögerung abzulehnen und stattdessen strukturelle Investitionen für die von der Stilllegung betroffenen Beschäftigten voranzutreiben.
Durch Effizienzgewinne konnte Brandenburg seinen Primärenergieverbrauch pro Einheit des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bereits von 13,0 Gigajoule pro 1.000 Euro im Jahr 2010 auf 6,4 im Jahr 2023 senken. Dennoch liefert die Kohle noch immer über ein Drittel des Stroms – und die Debatte über ihre Zukunft bleibt umstritten.
Die Grünen betonten, dass die Planungssicherheit für die Beschäftigten und die weiteren Investitionen in erneuerbare Energien Vorrang haben müssten. Derweil spiegelt die Entschädigungsvereinbarung mit LEAG das Ausmaß des Umbruchs wider – ein Prozess, der nun durch die politische Abwägung zwischen Versorgungssicherheit und Klimazielen neue Unsicherheiten erfährt.
Merz' Vorstoß, die Laufzeit von Kohlekraftwerken zu verlängern, könnte den geplanten Ausstieg Deutschlands verzögern – mit Folgen für Brandenburgs Energiewende und die langfristigen Klimaziele. Zwar sind die Fortschritte bei erneuerbaren Energien und Effizienz beachtlich, doch der Streit zeigt: Die Balance zwischen Versorgungssicherheit und ökologischer Verantwortung bleibt eine Herausforderung. Mit bereits geschlossenen Ausgleichsvereinbarungen und Milliardeninvestitionen in den Strukturwandel wird das Ergebnis dieser Debatte nicht nur die wirtschaftliche Zukunft der Lausitz prägen, sondern auch das Tempo des deutschen Kohleausstiegs.






